Wirtschaftsflächen der Zukunft

 

Gewerbeflächenpolitik im Zeichen von Innovationen, Nachhaltigkeit und neuem Verständnis von kommunaler Wirtschaftsförderung. Dazu miteinander im Gespräch: Dr. WOLFGANG HAENSCH, Dr. STEFAN LEUNINGER und UWE MANTIK, cima.


cima.direkt: In einer Sonderveröffentlichung des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) vom August 2021 werden die Aufgaben und Handlungsfelder einer innovativen Wirtschaftsförderung von morgen definiert. Darunter finden sich der Leitgedanke der nachhaltigen Stadt, die Förderung gemischter Stadtquartiere oder die ganzheitliche Innovationsförderung. Eines der bisherigen Kernfelder kommunaler Wirtschaftspolitik, die Entwicklung und Vermarktung von Gewerbeflächen, scheint dabei fast keine Rolle mehr zu spielen, oder?

HAENSCH: Der einstmalige Standardspruch vieler kommunaler Wirtschaftsförderungen „Flächen sind nicht alles, aber ohne Flächen ist alles nichts“ zählt nicht mehr. Die Difu-Ergebnisse zeigen die neuen Themenschwerpunkte richtig auf. Vor diesen Hintergrund wird auch die Gewerbeflächenentwicklung in den Kommunen neu definiert. Die Sicherung bestehender Gebiete ist längst stärker in den Fokus der Betrachtung gerückt. Dabei widmen nicht allein die Planungs- oder Umweltämter dem Bestand höhere Aufmerksamkeit; auch die Wirtschaftsförderungen erfragen vermehrt Lösungen zur Baulandmobilisierung oder nach Ansätzen zur Vernetzung der Betriebe in bestehenden Gewerbebieten.

LEUNINGER: Klar ist, unsere Wirtschaft und damit auch unsere Städte befinden sich in einem evolutionären Umbruch. Die zwei großen Treiber dieser Transformation, die Digitalisierung und der Klimawandel, beschleunigen den Strukturwandel. Und damit ebenso die physischen Orte des Arbeitens der Zukunft. Dies bedeutet aber auch die Gewerbeflächenentwicklung umso mehr als integralen Bestandteil der Stadtentwicklung zu verstehen.

MANTIK: Unbedingt. Wenn wir heute von den Standorten der Zukunft sprechen, sind vielfach „urbane Standorte“ gemeint; Standorte mit einer Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeitangeboten. Damit sind wir jedoch nicht völlig weg von Gewerbe- oder Industriegebieten. Die wird es selbstverständlich auch zukünftig geben. Schon seit längerem haben wir uns von den starren Gebietsbezeichnungen der Baunutzungsverordnung gelöst und benennen daher Wirtschaftsflächen, wenn es um ein zukunftsfähiges Flächenangebot einer Kommune geht.

cima.direkt: Sind denn neue Gewerbeflächen überhaupt noch politisch durchzusetzen?

HAENSCH: In der Tat, die Frage kann man sich stellen. Ich erlebe gerade den Fall, dass in der Stadt Speyer und der angrenzenden Ortsgemeinde Otterstadt eine interkommunale Gewerbeflächenentwicklung zu- nächst von beiden Kommunen vereinbart wurde. Nicht zuletzt, da es sich in wesentlichen Teilen um die zivile Nachnutzung einer ehemaligen Bundeswehrkaserne handelt und die Stadt Speyer einen extremen Flächenmangel hat, stimmte die Regionalplanung dem Vorhaben zu. Im September 2021 führte dann ein Bürgerentscheid dazu, dass sich die Gemeinde Otterstadt aus der gemeinsamen Flächenentwicklung zurückzog.

MANTIK: Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Und den Fall eines Bürgerentscheids zugunsten eines neuen Gewerbegebiets: In der zum Rhein-Neckar-Kreis gehörenden Gemeinde Hirschberg an der Bergstraße stimmte eine zwar knappe, aber doch eindeutige Mehrheit für eine zehn Hektar große Erweiterung eines bestehenden Gewerbegebietes. Aus Perspektive als beteiligter Berater waren drei Punkte hierfür entscheidend: Zum einen ist das Gebiet nicht nur aus Sicht ansiedlungsinteressierter Unter-nehmen bestens geeignet, auch die Regionalplanung hat dem Vorhaben zugestimmt. Zum anderen fand im Vorfeld der Entscheidung eine öffentliche Debatte über die angestrebte Qualität der Erweiterung des Gewerbegebietes statt. Und schließlich ein nicht ganz unwichtiger Punkt: Die parallele Abstimmung über den neuen Landtag in Baden-Württemberg beförderte eine hohe Wahlbeteiligung. Das führte schließlich dazu, dass nicht – wie häufig sonst zu beobachten – lediglich engagierte Zustimmende und die Gegenseite teilnahmen, sondern ein recht guter Querschnitt der wahlberechtigten Menschen vor Ort.

LEUNINGER: Eine Schlussfolgerung lässt sich aus diesen Beispielen dennoch ziehen: Vorhaben wie die Entwicklung eines neuen Gewerbegebietes müssen ohne Wenn und Aber ausreichend öffentlich diskutiert und dargestellt werden. Nur das Argument, wir brauchen zusätzliche Flächen, reicht nicht. Es bedarf eines nachhaltigen und überzeugenden Nutzungskonzeptes und einer ausgewogenen Abwägung zwischen Ökonomie und Ökologie.

cima.direkt: Gibt es für die neuen Nutzungskonzepte Lösungen, die Ökonomie und Ökologie erfolgreich verbinden?

MANTIK: Meine These ist, dass es für die heutigen Anforderungen bereits Lösungen gibt. Die Arbeit besteht darin, sie auf den Mikrostandort anzupassen und vor allem auch im Bebauungsplan durchzusetzen. Das klingt old school, ist aber wichtig, damit es nicht bei Ankündigungen bleibt.

HAENSCH: Für jedes neue Gebiet benötigt es Antworten, beispielsweise im Hinblick auf die Mobilität. Parkhäuser mit entsprechend flexibler Infrastruktur für die E-Mobilität, gute ÖPNV-Anbindungen, Lösungen für Radwege im und ins Gebiet, Ideen zur Bündelung der Lieferverkehre. Die Liste lässt sich verlängern. Lösungen gibt es bereits. Ähnliches gilt auch für die nachhaltige Ausgestaltung der Gewerbegebiete; Stichwort zero emission. Wir brauchen Standorte mit einer vorlaufenden Planung, die sowohl Energiekonzepte, den Verkehr und die Entsorgung im Gebiet als integralen Prozess begreifen.

cima.direkt: Was bedeutet dies denn für die Inhalte kommunaler Gewerbe- bzw. Wirtschaftsflächenkonzepte?

MANTIK: Nun ja, bei der Erarbeitung von Gewerbeflächenkonzepten ist die Auseinandersetzung mit den vorhandenen Gewerbeflächen weiterhin zwingend erforderlich. Das beinhaltet eine Erfassung der konkreten Nutzungen und der nicht mehr genutzten Standorte inklusive der Eigentumsverhältnisse und in der weiteren Bearbeitung die unmittelbare Kontaktaufnahme zu Eigentümern, um Optionen und Grenzen der Verfügbarkeit und somit die kommunalen Handlungsspielräume einschätzen zu können.

HAENSCH: Neben dem stärkeren Blick auf Möglichkeiten der zukunftssicheren Gestaltung vorhandener Gewerbegebiete müssen die Konzepte aber weiterhin auch die Frage des zukünftigen Flächenbedarfs beantworten. Und hier zeigen sich meines Erachtens völlig unterschiedliche Verfahren in den einzelnen Bundesländern.

Zwei Beispiele: Nordrhein-Westfalen steht für die landesweit einheitliche Ermittlung des zukünftigen Bedarfs auf Grundlage eines langjährigen Siedlungsflächenmonitorings, das die Nachfrage in der Vergangenheit dokumentiert. In Mittelhessen wurde auf Grundlage einer Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung der lokale Bedarf und die Flächennachfrage durch Ansiedlungen von außerhalb bestimmt.

Die Methodenkritik an dem seit langer Zeit fast flächendeckend verwendeten GIFPRO-Modell der Universität Dortmund zur Bestimmung des zukünftigen Flächenbedarfs ist sicher berechtigt. Die cima hat darauf reagiert und das GIFPRO-Modell zu einem eigenen Konzept weiterentwickelt, das sich den individuellen Standortbedingungen anpassen kann.

Die cima hat das GIFPRO-Modell zu einem eigenen Konzept weiterentwickelt, das sich den individuellen Standortbedingungen anpassen kann.

LEUNINGER: Möglicherweise sollten zwei Ansätze stärker in die strategischen Gewerbeflächenkonzepte integriert werden: Zum einen die Szenariotechnik, um sich von vorneherein mit mittelfristigen Unsicherheiten auseinander zu setzen. Und zum anderen klar vereinbarte Evaluierungsschritte, um aus veränderten Rahmenbedingungen, der Entwicklung der Nachfragesituationen und der Aktivierung von Bestandsflächen die notwendigen strategischen Entscheidungen abzuleiten.

MANTIK: Aus dem bereits Gesagten, bleibt als unabänderliches Faktum, dass die Auseinandersetzung mit den Wirtschaftsflächen der Zukunft ein absolut spannendes Thema ist, welches individuelle Lösungen für jeden Standort erfordert.


Kontakt

Uwe Mantik: mantik@cima.de

Dr. Wolfgang Haensch: haensch@cima.de

Dr. Stefan Leuninger: leuninger@cima.de

 

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