Umbruch und Aufbruch


Stärkung unserer Innenstädte durch die Digitalisierung

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist ein völlig neues Themenfeld der Innenstadtentwicklung geboren. Und das hat zweifelsohne die Diskussion über Notwendigkeiten und vor allem das WIE des Handels in den allermeisten Kommunen in Deutschland in Gang gesetzt.

Lokale Online-Plattformen

Viele sorgen sich vor allem um den Einzelhandel in ihren Innenstädten, denn der ist Hauptanziehungsfaktor für lebendige Innenstädte. Und angelehnt an den Werbeclaim „Entdecke die Möglichkeiten“ begeben sich viele Händler und auch Kommunen auf die große Spielwiese der Digitalisierung. In der jüngeren Vergangenheit haben beispielsweise das staatlich geförderte Modellprojekt Online-City Wuppertal – mit dem Aufbau eines Online-Marktplatzes speziell für den örtlichen Einzelhandel – oder der auf Ebay aufbauende lokale Marktplatz von Mönchengladbach starke Aufmerksamkeit erzielt. Auch andernorts wird experimentiert. Ich begrüße das. Unsere Erfahrungen bei der cima zeigen jedoch auch, dass von Seiten der Städte vielfach zunächst eine konzeptionelle Strategie erforderlich ist, bevor in einem zweiten Schritt der lokale Handel eingebunden werden kann, um das Thema als aktives Spielfeld zu begreifen.

Stadtmarketing

Wahrzunehmen ist auch, dass die Digitale Transformation für tiefgreifende Änderungen in Kommunikations- und Abstimmungsgewohnheiten sorgt. Stadtmarketing steht vor neuen Aufgaben. Die große Herausforderung für das organisierte Stadtmarketing der Zukunft besteht darin, aus traditionellen Schemata auszubrechen sowie außerhalb klassischer Ressorts- und hierarchischer Strukturen zu agieren, um Potentiale zur Entfaltung zu bringen. Stadtmarketing muss die Rolle eines strategischen Instruments für die integrierte Stadtentwicklung und als Teil der Wirtschaft einnehmen. Neben der Schaffung, Kommunikation und Vermarktung zielgruppenorientierter Angebote nach außen und innen, umfasst der Kompetenzbereich des Stadtmarketings auch die Optimierung der Kommunikationspolitik sowie die Verbesserung der Kooperation von Politik, Verwaltung, Privatwirtschaft, Vereinen und Bürgerschaft.

Aufbruchstimmung wie bei der Einführung von BIDs

Mich erinnert die aktuelle Situation des Aufbruchs an die Zeit, als wir uns alle geradezu aktionistisch mit dem damals neuen Thema Business Improvement District befassten. Meines Erachtens ist das das letzte große Thema, das für Innenstädte ähnlich engagiert angegangen wurde, wie jetzt die Digitalisierung. 2003 war das Jahr, in dem das Thema BID in aller Munde war und sich jeder aus der Branche die Frage stellte, ob dieses Modell nach Deutschland übertragbar sei. Der Erfolg der BIDs im angelsächsischen Raum machte viele City-Manager und Einzelhändler in Deutschland euphorisch. Spitzen des deutschen Einzelhandels bescheinigten dem Modell Reformcharakter und höchste Relevanz. Ein neues Themenfeld war gesetzt. Es ist schon beeindruckend, was heute aus diesem beflügelnden Thema geworden ist. Es ist etabliert und – sehr deutsch – wurde es in geregelte Bahnen gelenkt. Aber: Das Instrument BID ist deutschlandweit noch immer eher der Exot. Ohne Förderung geht nur kaum was. Und mit den Landesgesetzen ist ein hoher Aufwand verbunden. Der Effekt insgesamt gesehen ist eher überschaubar.

Herausforderung Digitale Transformation

Ausgangspunkt für meine Überlegung war, dass ähnlich wie 2003, heute die kollektive Einsicht besteht, dass erheblicher Entwicklungsbedarf besteht. Seinerzeit waren es reale Standorte auf der Grünen Wiese, gegen die sich die Innenstädte behaupten mussten. Heute besteht Handlungsdruck durch virtuelle Handelsplätze, was damals noch nicht vorstellbar war. Zalando wurde beispielsweise erst 2008 gegründet. Beide Themen verbindet das Erfordernis von inhaltlicher und finanzieller Mitarbeit der Akteure im Quartier oder in der City. Beim Thema BID ist insbesondere das Engagement der Eigentümer erforderlich. Ohne die geht es nicht. Bei der Digitalen Transformation scheint die Herausforderung ungleich größer. Das Thema durchdringt alle Lebensbereiche und Branchen und ist nicht wie das Thema BID begrenzt auf eine Nische. Uns bleibt keine Wahl. Gesetze kann ich mir kaum vorstellen.

Hier sind nun die Ideen quasi aller Akteure gefragt, die unsere Innenstädte lebendig machen. Vor allem die Händler, aber nicht nur. Auch Dienstleister, Kulturschaffende, Vereine und vor allem Städte sind gefordert, sich dem Umbruch zu stellen. Jeder für sich muss die Herausforderungen der Digitalen Transformation annehmen, Chancen – auch gemeinsame – erkennen und Verantwortung für die Stadtzentren übernehmen. Aber dafür hat niemand mehr zehn Jahre Zeit. Nur so lässt sich die Funktion eines lebendigen Zentrums aufrechterhalten. Aber ich bin sehr zuversichtlich.

Autor:

Roland Wölfel

Roland Wölfel

cima // Geschäftsführer, Partner

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