Schanigärten, Pop-Up-Stores & Co.: Überlebensstrategien der Gastronomie

 

Schließungen, Einschränkungen, finanzielle Engpässe, Existenzängste – auch die Gastronomiebranche ist von Covid19 und dessen Auswirkungen betroffen. Und trotz der Aussicht auf Impfungen liegt ein Ende inmitten der kalten Jahreszeit und des zweiten Lockdowns in weiter Ferne. 


Ich komme aus einem langjährigen Traditions-Konditorei mit Café, dass im Corona-Frühjahr mit einem enormen Einbruch zu kämpfen hatte. Gute Ausgangsbedingungen wie ein hohes Tourismusaufkommen und wenig Konkurrenz in der Kleinstadt bescherten dem Familienbetrieb dann im Sommer 2020 jedoch so viele Kunden, wie nie zuvor. Doch wie gestaltet sich das in einer Großstadt wie München, die ohne internationale Touristen eher zu den Verlierern des diesjährigen Urlaubsbooms in Deutschland gehörte? Können in der Gastronomie auch positive Entwicklungen während der Pandemie-Monate beobachtet werden? Und welche Maßnahmen und konkreten Beispiele gibt es, um einen Gastronomiebetrieb am Laufen zu halten? Diese Fragen bespreche ich mit DENIS LEONCELLI, Geschäftsführer Coucou Food Markt. Wir lassen die vergangenen Monate Revue passieren und wir versuchen, positiven Aspekte und Erfahrungen zu gewinnen.


Take-Away funktioniert – wenn Kund*innen davon wissen

Im Gespräch wird vor allem klar, dass ein gutes – oder zumindest akzeptables – Überstehen der Krise von einer durchdachten Konzeptbasis und schnellem Umsetzungsvermögen von Maßnahmen abhängt. Dabei ist es für jeden Betrieb von Vorteil, wenn ein Take-Away-Konzept mit idealerweise zugehörigem Lieferservice etabliert ist. In den beiden Betrieben von Coucou gibt es  im Rahmen des Take-Aways u.a. Brunch-Boxen in verschiedenen Variationen. Und ganz wichtig dabei ist digitales Marketing. Die Organisation von Lieferservice, Personaleinsatz, Verpackungsmaterial sowie ansprechendem Marketing sollten bestenfalls schon vor Eintritt der Pandemie stattgefunden haben. Hierzu zählt, allen anderen Aspekten voran, insbesondere das Schaffen einer Kundenakzeptanz für Speisen zum Mitnehmen, welche die schwierigste Herausforderung für die Gastronomie mit der längsten Umsetzungsdauer darstellt.

DENIS LEONCELLI: Ich glaube andere triffts schlimmer, weil die erst einmal den Take-Away Gedanken an die Kunden bringen müssen. Bei uns haben sich die Kunden schon daran gewöhnt, ihr Essen abzuholen und wir können auch so überleben. Aber es ist vor allem zu Beginn ein krasser Kommunikationsaufwand.

Digitaler Auftritt ist die halbe Miete

Wenn das Thema Marketing schon einmal im Raum steht: Heutzutage ist eine gewisse Präsenz im Internet für Gewerbetreibende unumgänglich. Denis spricht von einem gelungen Internetaufritt als „Halbe Miete“ und betont: „Als Gastronom würde ich von Anfang an ultimativ viel Zeit und Mühe, und wenn ich es nicht kann, auch Geld in dieses ganze Thema stecken. Zum Beispiel ist Instagram mittlerweile eigentlich die Suchmaschine für Restaurants.“ Aber es muss nicht gleich Instagram sein. Erste Anfänge, wie ein gepflegter Google My Business Eintrag mit guten Fotos, sind bereits entscheidend. Insbesondere auch, wenn sich wie aktuell die Öffnungszeiten schnell ändern können.

Zwischennutzung 

Neben diesen essentiellen Tools, die besonders in Zeiten von Corona zum Standardrepertoire eines jeden Gastronomiebetriebes gehören sollten, gibt es weitere Maßnahmen, die in München mehr und mehr sichtbar werden. Leerstehende Räume der Gastronomiebetriebe werden zunehmend zwischengenutzt. So gibt es zum Beispiel Pop-Up-Stände in Kooperationen mit anderen, meist lokalen, Unternehmen. Auch der Coucou Food Market hat seit dem Sommer einen festen Pop-Up-Stand entwickelt, an welchem immer unterschiedliche Konzepte präsentiert werden können: „Bei uns gab’s im Sommer einen Tacos-Pop-Up-Store, welcher sehr sehr positiv angenommen wurde. Ab dem neuen Jahr gibt es wieder einen neuen Stand, da es so gut geklappt hat!“ Eine Win-Win-Situation.

Merchandising

Ein weiterer Geschäftszweig der Münchner Gastronomen stellt mittlerweile das Merchandising dar. Seit der Pandemie können die Kund*innen verstärkt Gastro-Fanartikel in Form von T-Shirts, Hoodies oder Jute-Beutel erwerben und so ihre Lieblingscafés und -restaurants unterstützen. Auch im Coucou wurden die Merch-Artikel erweitert, u.a. auch mit Produkten im Rahmen bestimmter Kampagnen und in Zusammenarbeit mit anderen lokalen Unternehmen.

Für eine lebenswertere Stadt: Schanigärten

Neben individuellen Maßnahmen der Betriebe, schafft auch die Stadt München gute Voraussetzungen für die Gastronomielandschaft. Überall sprießen auf Parkbuchten kleine Terrassen hervor, auf welchen an der Frischluft und in gefühlter Sicherheit der Lieblingskaffee genossen werden kann. Eigentlich als praktische Corona-Soforthilfe gedacht, bringen die sogenannten Schanigärten ganz nebenbei auch etwas südländisches Flair und Gemütlichkeit in die Straßen der Stadt. Im Gegensatz zu Biergärten oder Straßencafés befinden sich Schanigärten auf öffentlichen Flächen. Durch weniger Parkmöglichkeiten, Autolärm, Abgase und allgemein hektische Stimmung bekommt der urbane Raum eine ganz neue Aufenthaltsqualität und lädt zum Verweilen und Abschalten ein. Und neben dem positiven Erlebnis für die Kunden, wurde so ganz nebenbei auch die Betriebs- und Sitzflächengröße für die Gastonomen erweitert. Zwar ein Ärgernis für alle Parkplatzsuchenden, doch ein kleiner Trost für alle, deren Jahresurlaub in der eigenen Heimat stattfinden musste.

DENIS LEONCELLI: Das ist natürlich schon großzügig gewesen und vor allem für das Stadtbild perfekt. Wenn man mal durch Haidhausen oder so gelaufen ist und die ganzen liebevoll gestalteten Terrassen gesehen hat, das macht die Stadt schon viel lebenswerter.

Dialog mit Eigentümern

Neben all den innovativen Konzepten und Ideen schafft auch eine ganz konventionelle Maßnahme Erleichterungen für die Gastonomen: Mietpreissenkung. Geschäftsinhaber kommen derzeit verstärkt in Bedrängnis, da die Miete durch die Schließungen nicht eingenommen werden kann. Dabei hoffen die Gewerbetreibenden auf ein Entgegenkommen der Eigentümer, wie auch im Fall Coucou: „In der Nymphenburger Straße sind die uns auch entgegengekommen mit der Miete. Also die sind während des Lockdowns einfach runtergegangen mit der Miete und nach einem Monat haben sie uns Stundung angeboten, die wir dann auch wahrgenommen haben. Also Stundung ist aufgeschoben und nicht aufgehoben, aber immerhin.“

 

Auch wenn sich die Gastronomen in München mit der ein oder anderen Maßnahme über Wasser halten bleibt abzuwarten, wie sich die Situation nach dem zweiten Lockdown entwickelt, wer sich durchkämpfen kann oder leider auf der Strecke bleiben muss. Und es bleibt spannend, was noch für kreative Konzepte und ideenreiche Maßnahmen uns Kunden erwarten.


Coucou Food Market: In hipper Markthallen-Atmosphäre werden Gerichte aus verschiedenen Ländern angeboten. Denis Leoncelli betreibt gemeinsam mit seiner Partnerin Marie Schultz zwei Läden in München. Der zweite Standort wurde erst kurz vor dem ersten Lockdown 2020 eröffnet.

 

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Autor*in

Marie-Theres Schuster

Marie-Theres Schuster

cima // Beraterin

Ein Gedanke zu „Schanigärten, Pop-Up-Stores & Co.: Überlebensstrategien der Gastronomie

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    13. Januar 2021 um 11:48
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    Mit digitaler Unterstützung wird nicht nur das Marketing der Gastronomen verbessert, sondern auch der Außerhausverkauf effizienter und es lassen sich neue PopUp-Konzepte entwickeln. In Münster gab es dazu die digitalen Bier- und Wintergärten und die starke Nutzung digitaler Speisekarten mit Bestell- und Bezahlfunktion. Sobald die ersten Lockerungen da sind können diese Konzepte wieder zum Einsatz kommen https://www.presstaurant.de/muenster-erster-digitaler-biergarten-eroeffnet

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