Nahversorgung 2021: Herausforderung in der Großstadt

 

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie hat jede*r begriffen: Eine funktionierende Nahversorgung ist enorm wichtig! Unabhängig vom Wohnort. In der Vergangenheit hatten v. a. ländliche Regionen durch Lücken im Versorgungsnetz auf sich aufmerksam gemacht. Doch mit dem Ausbruch von Covid19 zeigten sich v.a. in Ballungsräumen enorme Schlangen vor den Lebensmittelmärkten sowie Engpässe der Warenverfügbarkeiten. Zulassungsbeschränkungen auf nur mehr wenige Kunden zeitgleich im Geschäft und die monatelange Schließung der Gastronomie übten enormen Druck auf den innerstädtischen Lebensmittelhandel aus.

 

Probleme der Nahversorgung – auch in Metropolen

Insbesondere in den verdichteten Stadtquartieren der Metropolen der Republik, z.B. denen, die gerne mit absurd hohen Mietpreisen und Gentrification-Diskussionen in der Presse erscheinen, stieß die Nahversorgung auch ohne Pandemie in den letzten Jahren regelmäßig an ihre Grenzen. Die Einwohnerzahlen steigen v.a. in den beliebten innenstadtnahen Stadtteilen kontinuierlich. Wohnungen, die vormals durch einen Single- oder maximal einen Pärchen-Haushalt belegt waren, beherbergen heute Familien oder WGs mit gut doppelt so vielen Bewohnern. Der Platz ist knapp, die Preise hoch. Das gilt nicht nur für Wohnraum, sondern auch für Gewerbeflächen. Das zeigt sich auch in der Größe der Lebensmittelmärkte, die meist klein ausfallen und der Nachfrage oftmals nicht gerecht werden können. Gut geht’s meist noch am Vormittag, Frust kommt beim Kunden dann beim Einkauf nach Feierabend auf, wenn die Regale (auch unabhängig vom Corona-Einkaufsboom) leergeräumt sind und wieder einmal nicht die Lust, sondern die Verfügbarkeit entscheidet, was am Abend auf den Tisch kommt.

Verkaufsflächenerweiterungen, welche die üblichen Filialkonzepte in regelmäßigem Turnus anstreben und dem Ziel dienen, dem Kunden eine größere Angebotsbreite und -tiefe, eine attraktivere Warenpräsentation und nicht zuletzt Barrierefreiheit zu gewähren: In Suburbia? Kaum ein Problem. In den innerstädtischen Stadtteilen? Mit Blick auf die Bebauungsstruktur schier unmöglich!

Dabei stellen insbesondere Urbanist*innen gern hohe Ansprüche an das Warenangebot. Bio, vegan, regional, laktose- und glutenfrei – asiatisch, orientalisch oder heimisch. Der Supermarkt um die Ecke soll bestenfalls unzählige Produkte vorhalten. Und günstig wäre auch nicht schlecht, die Miete nimmt schließlich bereits die Hälfte des Einkommens in Anspruch. Wie die Lebensmittelmärkte in den beengten Ladenlokalen und ohne größere Lager diesen Anforderungen gerecht werden sollen, ist fraglich.

Neue Konzepte: Gorillas, Flink & Co.

Lieferservice Gorillas

Die Problematik ist nicht neu, die Goldgräberstimmung einiger Start-Ups allerdings schon. Aktuell drängen unterschiedliche On-Demand Lieferkonzepte auf den Markt wie bspw. Gorillas oder Flink – ohne stationäres Ladenlokal. Die Artikel werden zu marktüblichen Preisen per App bestellt und landen für eine kleine Liefergebühr via Fahrradkurier*in binnen 10 Minuten an der Wohnungstür. Auf recht kleinen Lagerflächen können im verdichteten Stadtquartier deutlich mehr Artikel vorgehalten werden als in einem vergleichbaren Ladengeschäft, das neben dem „Stauraum“ für Produkte auch noch Flächen für Theken und Regale sowie Gänge und Kassenterminals bereithalten muss. Die Warenauswahl ist dabei genau auf die Bedürfnisse in den Quartieren zugeschnitten und wird ständig angepasst. Für den Moment scheint die Idee aufzugehen. So sieht man sowohl im Münchner Glockenbachviertel als auch in Berlin-Kreuzberg und anderswo zunehmend Lebensmittellieferanten, sog. „Rider“, vorbeiradeln.

Sicher, ausprobieren wollen wir alle und ein „wow, das ging wirklich schnell“ auf unterschiedlichen Social Media Kanälen posten. Doch wie beständig ist der Hype? Der Konkurrenzdruck auf die stationären Händler steigt, die Marktführer im Supermarktbereich steigen mittlerweile im Hintergrund mit ins Business ein und fungieren als strategischer Partner der Start-Ups. Doch auch die Kritik an den neuen Konzepten wird immer lauter. Vor allem verstopfte Gehwege, Anlieferverkehr und Lärm stören die Anwohner*innen und lösen vielerorts Proteste aus. Zudem wird die langfristige Wirtschaftlichkeit des Systems in Frage gestellt.

Die Expansion der Lieferdienste schreitet weiter voran. Immer mehr Anbieter treten in Erscheinung und die Standortwahl reicht mittlerweile weit über die Metropolen hinaus. Aber ist das wirklich langfristig die neue Art des Einkaufens für Großstädter*innen? Es bleibt spannend!


 

 

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Autor*in

Susanne André

cima // Projektleiterin

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