Nah versorgt statt weit gefahren

 

Echte NAH-Versorgung ist ein wichtiger Teil der Lebensqualität vieler Menschen. Seit der Pandemie ist sie noch mehr im Fokus, denn Lebensmittel- und Drogeriemärkte sowie Apotheken versorgten die Bevölkerung auch in Lockdown-Zeiten als sogenannte systemrelevante Anbieter. Für einen Besuch im Supermarkt vor Ort nahmen die Menschen langes Anstehen, Warenengpässe und zwischenzeitlich erhöhte Preise in Kauf. Das Ergebnis war ein enormes Umsatzplus im Lebensmittel- und Drogeriewarenhandel gegenüber dem Jahr 2020 von ca. 20 Mrd. Euro. Eine Steigerung um 11 Prozent – und ein neuer Höchststand.

Doch wenngleich der Lebensmitteleinzelhandel weiter expandiert, sind – bereits seit Jahren – vor allem in ländlichen Kommunen Lücken in der Versorgung sichtbar. Unrentable Märkte werden geschlossen, andere schließen, weil keine Nachfolge gefunden wird. Auch in Mittel- und Großstädten zeigen sich vergleichbare Tendenzen. Folglich versorgen sich die Menschen  häufig an Handelsstandorten im Umland oder in entfernteren Stadtteilen. Dadurch entsteht Verkehr und die Gewerbesteuer fließt an Nachbarorte ab. Nicht zuletzt steht auch die Frage im Raum: Wie versorgt sich der Teil der Bevölkerung, dem kein Pkw o. ä. für den Einkauf zur Verfügung steht?

Faktoren ausgewogener Nahversorgungsstrukturen

Für die Bewertung und Einordnung einer ausgewogenen Nahversorgungsstruktur sind drei Faktoren von entscheidender Bedeutung, die gleichzeitig übergeordnete Ziele der Nahversorgungsentwicklung aus städtischer oder gemeindlicher Sicht darstellen.

  • Quantität: Das Vorhalten eines flächenseitig modernen Angebots an Nahversorgung. Prüfkriterien sind u. a. die Verkaufsfläche der Lebensmittelmärkte, die Anzahl der vorhandenen Nahversorger sowie die Verkaufsflächenausstattung pro Einwohner oder die Zentralität. Im Bundesdurch-schnitt kommen auf jeden Einwohner rd. 0,44 m² Lebensmittelverkaufsfläche.
  • Qualität: Das Anstreben eines in Abhängigkeit der Stadtgröße möglichst breiten Betriebstypenmix mit ausreichend großen sowie attraktiven und serviceorientierten Einzelbetrieben, digitale Sichtbarkeit und Auffindbarkeit. Vollsortimenter erschließen regelmäßig Verkaufsflächen ab ca. 1.200 m², Discounter bereits ab 800 bzw. 1.000 m².
  • Räumliche Verteilung: Die Abdeckung einer fußläufig erreichbaren Nahversorgung für möglichst viele Ortsansässige im Stadt-/ Gemeindegebiet.
Die erwartbare Angebotsausstattung und -vielfalt in der Nahversorgung variiert nach Gemeinde- bzw. Stadtgröße. Nahversorgung geht deutlich über den Einkauf von Waren hinaus; auch medizinische Versorgungseinrichtungen sowie Dienstleistungen und Gastronomie zählen ergänzend dazu.

Individuelle Nahversorgungskonzepte

Bestenfalls nimmt der Nahversorger auch die Funktion eines sozialen Treffpunktes und eines Identifikationsraum für die Wohnbevölkerung ein. In Ergänzung zu den geläufigen Formen der Versorgungsstrukturen treten zudem innovative Konzepte in den Markt ein. Automaten an Hofläden oder Selbstbedienungsshops in Wohngebieten sind Angebote, die rund um die Uhr öffnen. Zudem steigert langsam auch der Online-Handel mit Lebensmitteln seine Marktanteile und On-Demand-Lieferkonzepte wie bspw. Gorillas oder Flink bereichern die Versorgerpalette in Großstädten. In vielen Städten erlebt derzeit der klassische Wochenmarkt eine Renaissance. Und Kommunen mit geringer Einwohnerzahl stellen die Nahversorgung häufig auch über Spezialangebote wie Dorfläden, mobile Nahversorgung oder Bestellplattformen zumindest ausschnittsweise sicher.

Interessenausgleich

Eine gute Nahversorgungsstruktur wird i. d. R. dort erreicht, wo die Interessen der Verbraucher, Kommunen und der Privatwirtschaft  transparent abgewogen werden. Denn neben kommunalen Interessen an der Weiterentwicklung der lokalen Nahversorgung treten auch Expansionsabteilungen der Lebensmittelmärkte mit Entwicklungswünschen auf. Oftmals sind nur isolierte Auswirkungsanalysen die Bewertungsgrundlage für diese Pläne. Dabei sind speziell auf die Situation vor Ort angepasste Nahversorgungskonzepte unabdingbar für die gezielte Weiterentwicklung der örtlichen Nahversorgung. In Nahversorgungskonzepten kann definiert werden, wie sich an welchen Standorten im Stadt- oder Gemeindegebiet die Nahversorgung entwickeln soll.

Nach dem politischen Beschluss können Nahversorgungskonzepte zudem als städtebauliche Entwicklungskonzepte zur Begründung für die Bauleitplanung herangezogen werden. Nicht nur vor dem Hintergrund der Pandemie-Erfahrungen und der Systemrelevanz der Anbieter braucht es eine attraktive Nahversorgung. Auch für die langfristige Sicherung und Steigerung der Wohnstandortattraktivität sowie Lebensqualität der Bevölkerung ist dies von hoher Bedeutung.


Autor*innen und Ansprechpersonen bei der cima:

 

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