Einkaufen ohne Verpackungen

Unverpackt-Läden, wie sie mittlerweile in vielen Städten zu finden sind, geben uns eine Vorstellung davon, wie der Einzelhandel auch aussehen kann: Nudeln, Süßigkeiten und Reinigungsmittel lose, ohne Produktverpackungen. Die Kundschaft bringt ihre eigenen Behälter mit, um sich die gewünschte Menge abzufüllen. Welche Potenziale bietet die Idee verpackungsfreier Läden? Was denkt die Kundschaft darüber? Diese und weitere Fragen beschäftigten das Forschungsvorhaben Innoredux.

Innoredux – Geschäftsmodelle zur Reduktion von Plastikmüll entlang der Wertschöpfungskette: Wege zu innovativen Trends im Handel

In dem Projekt erforschen von Februar 2019 bis Juli 2021 das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und das Institut für Energie und Umwelt (ifeu) gemeinsam mit Einzelhändlern (Annas Unverpacktes, Alnatura, Avocadostore, memo, dm), der Stadt Heidelberg und dem BUND, Wege zur Reduktion von Verpackungen im Einzel- und Versandhandel. Dafür wurden Verpackungen ökobilanziell bewertet, nachhaltige Verpackungen in einem Reallabor in der Stadt Heidelberg erprobt und die Perspektive der Kundschaft eingefangen. Die Ergebnisse werden im Juli 2022 als Leitfaden für Unternehmen und Handreichung für Kommunen auf der Projektwebseite www.plastik-reduzieren.de veröffentlicht.

Mehr als nur Verpackungsverzicht

Im Jahr 2019 fielen in Deutschland pro Person im Durchschnitt 227,5 kg Verpackungsmüll an. Diese hohen Zahlen frustrieren viele. Das Projekt Innoredux befragte 1.242 Personen in einer nicht-repräsentativen Umfrage. 90 Prozent stimmen zu, dass bei vielen Produkten weniger Verpackungsmaterial ausreichen würde. Genau hier setzen Unverpackt-Läden an: Sie verwenden so wenig Verpackung wie möglich. Die ersten Läden dieser Art entstanden 2014 und heute gibt es laut Unverpackt e. V. – Verband der Unverpackt-Läden 475 Läden deutschlandweit; 247 weitere sind in Planung.

Unverpackt-Läden sind mehr als kleine Einzelhändler: Sie sind Bio-Läden, Verteilerstellen für regionale Lebensmittel, Plätze zum Verweilen, Experimentierräume und Orte des Austauschs. Mit ihrem Geschäftsmodell streben sie Nachhaltigkeit auf ganzer Linie an. Dazu gehört nicht nur die Vermeidung von (Plastik-)Verpackungen. Es beinhaltet in unterschiedlicher Schwerpunktsetzung die Wahl ganzheitlich nachhaltiger Produkte: regional und bio, Vermeidung von Tierleid und faire Arbeitsbedingungen. Im Unterschied zu konventionellen Supermärkten setzen Unverpackt-Läden auf Kooperation mit anderen Unverpackt-Läden und Lieferanten statt auf Konkurrenz – z. B. um Produkte künftig in wiederverwendbaren Kanistern geliefert zu bekommen. Zwar verzichten die Läden weitgehend auf Produktverpackungen, Transportverpackungen bleiben aber weiterhin nötig. Über große Gebinde und Mehrwegbehälter schaffen es die Läden jedoch, sie zu reduzieren und möglichst nachhaltig zu gestalten. Auch der Umgang im Laden ist besonders: Das Verkaufspersonal geht in den persönlichen Kontakt mit der Kundschaft, um das Konzept und die Produkte näher zu bringen. Die Atmosphäre lädt zum Stöbern und Entdecken ein. Doch wie praktikabel ist der Einkauf unverpackter Lebensmittel im Alltag?

Welche Verpackung für Käse ist am nachhaltigsten?

Credits: Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu), CC-BY-SA 3.0 DE

Geteilte Verantwortung zwischen Unternehmen und Gesetzgebern

Etwa drei Viertel, der von Innoredux Befragten sehen sich selbst in der Verantwortung, Verpackungsabfälle zu reduzieren und laut der repräsentativen PwC-Studie „Verpackungen im Fokus“ aus dem Jahr 2018, ist der Großteil der deutschen Bevölkerung bereit, unverpackte Lebensmittel zu kaufen. Doch selbst mit dem Unverpackt-Konzept vertraute Personen nutzen laut der Innoredux-Studie das Angebot meistens nur ergänzend zu ihren normalen Einkaufsroutinen. Häufiger Grund: Der nächste Laden mit unverpacktem Angebot ist nicht in direkter Nähe. Auch der höhere Preis der Lebensmittel – verursacht u. a. durch Bio-Qualität und Regionalität und die kleinere Auswahl an Produkten – halten viele vom regelmäßigen, unverpackten Einkauf ab. Menschen, die noch nie einen Unverpackt-Laden besuchten, entmutigen v. a. die vorausgehende Planung und das Mitbringen von eigenen Behältern.

Noch stärker als sich selbst, sehen die Befragten den Einzelhandel, die herstellenden Unternehmen und den Gesetzgeber in der Pflicht. 95 Prozent würden begrüßen, wenn die Politik positive Anreize für Unternehmen setzt, Verpackungen in Produktion, Anlieferung und Lagerung zu verringern. Sanktionen der Politik für Unternehmen mit einem hohen Verpackungsaufkommen in der Wertschöpfungskette stimmen 91 Prozent zu.

Kommunen können einiges unternehmen, um Unverpackt-Läden zu unterstützen und damit mittelbar das Verpackungsaufkommen zu verringern. Kampagnen wie „Heidelberg kauft unverpackt!“ und Aktionen wie das Verteilen von Obst- und Gemüsebeuteln machen die lokale Bevölkerung mit dem Konzept vertraut. Runde Tische mit Unternehmen des Einzelhandels, Lieferanten und der Gastronomie ermöglichen Wissenstransfer und Vernetzung. Mehr Informationen zu kommunalen Handlungsmöglichkeiten sind auf der Website von Innoredux zu finden.

Geschäftsmodell UNVERPACKT – Ein Konzept für die Zukunft?

Unverpackt-Läden haben mit ihrem ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz das Potenzial die Art, wie wir einkaufen, zu transformieren. Bereits jetzt tauchen Unverpackt-Abteilungen in Bio-Supermärkten auf und erhöhen damit den Zugang zu unverpackten Lebensmitteln. Bei der Verbreitung des Konzepts sind jedoch drei Punkte zu beachten:

  1. Die Kernelemente des Geschäftsmodells dürfen nicht verloren gehen, z. B. die Beachtung ökologischer wie sozialer Produktionsbedingungen oder der persönliche Kontakt zur Kundschaft.
  2. Es ist Vorsicht geboten bei pauschalen Aussagen wie: „Unverpackt ist immer besser“. Die im Projekt berechneten Ökobilanzen zeigen, dass unverpackt häufig die ökologischste Variante ist, wenn die Qualität des Produkts erhalten bleibt. Doch nicht immer! Es kommt auch auf die Reinigung der Transportbehälter, die Häufigkeit ihrer Wiederverwendung und das Gewichtsverhältnis zwischen Produkt und Verpackung an. Beispielhafte Ökobilanzen sind auf der Website von Innoredux zu finden.
  3. Unverpackte Produkte sollten kein Luxus-Angebot für Besser-Verdienende sein, sondern möglichst vielen zugänglich gemacht werden.

Mit Unterstützung von Kommunen und Kundschaft, und unter Beachtung der Ökobilanzen, hat das Geschäftsmodell Unverpackt das Potenzial, den Lebensmitteleinzelhandel, wie wir ihn kennen, zu transformieren.

 

 

Diesen Beitrag können Sie auch im cima.direkt-Magazin, Ausgabe 01 /2022, mit vielen weiteren interessanten Artikeln zum Schwerpunkt-Thema Märkte lesen. Schauen Sie doch einfach mal vorbei unter

cimadirekt.de

 

Kontakt:

Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW)
www.ioew.de

Gesa Marken
gesa.marken@ioew.de

Sabrina Schmidt
sabrina.schmidt@ioew.de

Foto: Bild von Filmbetrachter auf Pixabay

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