Wie sich ein Mineralölkonzern die Tanke 2040 vorstellt

 

MARK HÄDICKE, cima, macht sich Gedanken zu den Vorstellungen des Mineralölkonzerns BP/Aral zur Tankstelle in 20 Jahren. Der Konzern präsentiert seine Ideen aktuell in der Studie „Tankstelle der Zukunft – Mobilitätstrends 2040“ und in dieser dazugehörigen Animation:

 

Was macht ein Unternehmen, das sich auf den Verkauf fossiler Kraftstoffe spezialisiert hat, wenn künftig jede Autobesitzerin ihr Fahrzeug an der heimischen Steckdose betanken kann? Oder wenn – noch schlimmer für BP & Co. – insgesamt weniger motorisierter Individualverkehr unterwegs ist, weil alternative Mobilitätsformen vom Carpooling bis zum autonom fahrenden E-Bus in den Alltag der Menschen Einzug halten?

Shoppen

Es ist also nachvollziehbar, dass ARAL auch in Zukunft das Shopgeschäft an den Tankstellen als wichtiges Standbein betrachtet. Dass die Tankstellenshops dann auch einen Home-Delivery-Service anbieten könnten, scheint zumindest nicht vollkommen abwegig. Es wird vermutlich davon abhängen, ob in der Zwischenzeit andere Anbieter wie Picnic, Amazon oder die stationären Lebensmittelhändler eine massentaugliche Lösung für die Überwindung der letzten Meile gefunden haben.

Logistik

Auch, dass der E-Commerce weiter wachsen wird und Paket-Abholstationen zukünftig zu einem attraktiven Frequenzbringer werden, ist keine gewagte Prognose. Leider beantwortet die  Zukunftsvision von ARAL nicht, wie die vielen Pakete der zahlreichen KEP-Dienstleister überhaupt in die Paketstation kommen.

Fläche

Was mich besonders die Stirn runzeln lässt ist der unreflektierte Umgang mit bedeutsamen Aspekten des Städtebaus in Zeiten des Klimanotstands: Während sich Aral zumindest für die Großstadttankstelle offensichtlich ein dreigeschossiges Gebäude und ein mehrgeschossiges Parkhaus vorstellen kann, zeigen die Renderings von Tankstellen im ländlichen Raum oder an Autobahnen eine überwiegend eingeschossige Bebauung und dafür enorme asphaltierte Flächen als bequemen Stellplatz für Autos.

Mobilität

Ziemlich sicher bin ich mir auch, dass es künftig Mobilitätsdrehscheiben geben wird, an denen man beispielsweise vom Bus auf ein Sharing-Fahrzeug umsteigen kann und auch seinen E-Bike-Akku laden bzw. tauschen kann. Warum aber soll ein solcher Mobility Hub in eine ARAL-Tankstelle integriert sein?

Zu Fuß geht augenscheinlich niemand mehr und auch Fahrrad wird nicht gefahren – Fahrräder dienen nur zur Deko der Sharing-Stationen. Stattdessen suggeriert das Rendering, dass in Zukunft hauptsächlich zweisitzige PS-Boliden mit dem Platzbedarf eines Siebensitzers die Straßen beherrschen. Sind das etwa die geeignetsten Pkws für Carsharing und Pooling?

Und auch dem öffentlichen Nahverkehr traut man anscheinend ziemlich wenig Innovationskraft zu. Zumindest kann Aral sich vorstellen, dass der klassische Linienbus künftig elektrisch angetrieben wird. Immerhin, denn Aral sieht fossile Kraftstoffe wie Benzin, Diesel und Erdgas im Jahr 2040 immer noch gleichbedeutend mit Wasserstoff und Elektroantrieb.

Bei einer Zukunftsvision, die vom motorisierten Individualverkehr dominiert wird, wundert es mich auch nicht mehr, dass man von Flugtaxis fantasiert, die einen über die verstopften Straßen hinwegtragen. Warum aber träumt man von einem Verkehrsmittel, das nicht nur unverhältnismäßig viel Energie verbraucht, sondern aus unterschiedlichen Gründen auch noch weit von einer behördlichen Genehmigung und vom Massenbetrieb entfernt ist? (Hier eine Auseinandersetzung zum Thema.)  Warum sieht man in der Vision beispielsweise keine autonomen Shuttles? Wussten Sie, dass die im Testbetrieb bereits auf Deutschlands Straßen sind?

Zukunft?

Wenn ich mir die Studie und das Video ansehe, sehe ich wenig Neues. Gefühlt steht so ein Tankstelle mit Ladestation und Meetingraum bereits heute schon in irgendeiner Großstadt dieser Welt. Ich wünsche mir deshalb eine Vision, die sich deutlich näher an den Erfordernissen der Klimawende und vor allem an den Bedürfnissen der Menschen orientiert: Sensibler Umgang mit Flächenverbrauch und -versiegelung, mehr Grün- und Wasserflächen, die für erträgliches Stadtklima sorgen. Parklets statt Parkplätze, Fuß- und Radwege sowie ÖPNV- und Carpooling-Spuren statt vielspuriger Schnellstraßen. Funktionale Fahrzeuge vom E-Lastenrad bis zum emissionsfreien, mehrsitzigen und damit Pooling-geeigneten Pkw statt zweisitziger Concept Cars.

Mit durchdachten Lösungen bleibt die Zukunft nicht nur Vision, sondern wird machbar. Ich bin überzeugt, dass der Fortschritt so schnell von statten geht, dass die „Tanke 2040“ ganz anders daherkommen wird und sie Funktionen bereit hält, die heute nicht vorstellbar sind. Oder wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass wir die Power für ein E-Auto mit einem Telefon bezahlen werden…

 

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Autor:

Mark Hädicke

Mark Hädicke

cima // Projektleiter Einzelhandel

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